Ein Blog von Marc Schaumburg-Ingwersen

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21/06/2021

Zuschauerbindung durch Suspense


 “There is no terror in the bang, only in the anticipation of it.” Alfred Hitchcock


Hitchcock ist und war der unbestrittene Master of Suspense. Doch was ist Suspense eigentlich? Einfach ausgedrückt: Suspense sorgt für ein Gefühl der Unsicherheit über das Ergebnis eines Ereignisses – und die Frustration darüber, nicht eingreifen zu können. Man nehme folgendes Beispiel: Wenn wir ein Kind sehen, das vor einen Bus läuft, dann wollen wir es retten. Wollen schreien: „Bleib stehen! Pass auf!“ Suspense weckt also den Retter-Instinkt in uns allen.

Nüchtern betrachtet herrscht Suspense dann vor, wenn man dem Zuschauer gerade genügend Informationen gibt, so dass dieser beispielsweise ein konkretes, die Filmfiguren bedrohendes, Ereignis befürchten muss und dadurch über eine relativ lange Zeitspanne hinweg dem Ausgang dieser Entwicklung entgegenfiebert. Poetischer ausgedrückt ist Suspense jene mystische Kraft, die den Zuschauer so fesselt, dass er unbedingt das Ende des Films sehen muss. Suspense ist also nicht der Bang, sondern die Erwartung des Bangs. Hitchcock hat an dieser Stelle immer wieder gerne seine „Bombe-unter-dem-Tisch“-Geschichte erzählt. Wenn sich unsere Heldin und ihre Freundin an einem Tisch gegenübersitzen und plötzlich explodiert eine Bombe, dann reicht dieser Schock (Bang) für ein paar Sekunden. Wenn wir jedoch unsere Heldin und ihre Freundin sehen, wie diese an einem Tisch sitzen, unter dem eine Bombe ist, was unsere Heldin und die Freundin aber nicht wissen, (weil es exklusive Informationsvergabe an den Zuschauer is), dann wollen wir ihnen zurufen: „Hört auf Euch über so belangloses Zeug zu unterhalten. Lauft weg. Unter Eurem Tisch ist eine Bombe“ (Erwartung des Bangs).

In allen Fällen geht es darum, eine Verbindung mit dem Zuschauer herzustellen. Suspense funktioniert nämlich nur dann, wenn der Zuschauer Empathie für den Protagonisten empfindet. Wir wollen, dass der Held der Geschichte in Sicherheit ist, weil wir bereits eine emotionale Bindung zu ihm aufgebaut haben.

Wie genau kann man also in seiner eigenen Serie, seinem eigenen Drehbuch, Suspense einbauen? Sie gar zum zentralen Element machen? Suspense erzeugt man, in dem man zuerst ein Geheimnis in seiner Story-Welt pflanzt und dann immer wieder Augenblicke schafft, in denen das Geheimnis fast herauskommt. Hier im Weiteren die „Das-War-Knapp-Momente“ genannt. Am Ende der Suspense- Sequenz (kann eine kurze Szene oder nahezu der ganze Film sein) muss ein magischer Trick kommen, eine Überraschung – ein unvorhersehbarer Twist der Ereignisse.


Um Suspense in seine Geschichte einzubauen, sollte man also:


1. Ein Geheimnis pflanzen

2. Kurze Momente des Erwischt-/Aufgedecktwerdens erzeugen: Der „Das-war-knapp-Moment“

3. Den Zaubertrick platzieren

Ein Geheimnis pflanzen:

 

Damit Suspense funktioniert, muss man zuerst ein Geheimnis pflanzen. Nehmen wir also an, Person A hat etwas zu verstecken. Eine story-relevante Information, um mit dieser das Publikum zu manipulieren.

Als erstes muss demnach der Zuschauer das Geheimnis erfahren. Dann muss es eine Szene geben, in der eine Figur vorkommt, vor der der Protagonist das Geheimnis bewahren muss. Das Einfachste: Person A lügt Person B an. Der Zuschauer fühlt sich dank der Lüge, deren Teil er nun ist, speziell – als etwas Besonderes. Wer kennt nicht die Freude, wenn man wieder einmal den neuesten Gossip gehört hat und sich dadurch wie ein Teil einer eingefleischten Gemeinde fühlt. Es gibt nun eine Verbindung zwischen Zuschauer und Person A, sobald Person A diese Lüge der Person B erzählt.

Die Frage, die sich uns doch stellt, ist: Was verheimlicht der Protagonist vor den anderen Charakteren? Was passiert mit dem Protagonisten, wenn das Geheimnis rauskommt? Um Hitchcock zu zitieren:

„People always enjoy seeing someone doing something without being discovered, as to whatever it takes. Even if you have a villain creeping in, the audience for some reason, whether there’s a touch of larcency in everyone or something, I don’t know, will always say „Quick, quick, quick before you’re found out. Get out.“

Gut. Ein Geheimnis muss gepflanzt werden. Die wichtigste Frage, die man sich stellen sollte beim Aufbau von Geheimnissen ist: Wer weiß was?

a.) Was weiß der Protagonist?

B.) Was wissen die anderen Charaktere? c.) Was weiß das Publikum?

Sollten der Protagonist, die anderen Charaktere und das Publikum auf demselben Wissenstand sein, dann erzählen wir definitiv keinen Suspense.

Schauen wir uns doch einmal zwei Beispiele an:

Beispiel 1: DIAL M FOR MURDER:

Wie wird in Dial M for murder Suspense erzeugt?

 Der Ex-Tennis-Profi Tony Wendice erfährt, dass seine Frau Margo vor längerer Zeit eine Affäre hatte. Obwohl diese beendet ist, beschließt er, Margo zu ermorden, um an ihr Erbe zu kommen. Ohne ihr Geld könnte er seinen aufwändigen Lebensstil nicht finanzieren.

  1. Pflanzen des Geheimnisses: Also manipuliert Tony seinen ehemaligen Studienkollegen, den Hochstapler Charles Swann, um ihn dazu zu bringen, seine Frau zu ermorden, während er selbst mit seinem Nebenbuhler Mark Haliday einen Club besucht und so ein

perfektes Alibi hat. Der Zuschauer weiß also, dass Charles Swann beauftragt ist, Margo zu ermorden. Das ist das Geheimnis zwischen Tony, Charles und uns Zuschauern.


 Was weiß der Protagonist? Der Protagonist (in unserem Falle Tony) möchte seine Frau umbringen lassen und hat sich einen Plan ausgedacht. Er kennt den kompletten Plan und wir erfahren über diesen Plan, wie der Mord ausgeführt werden soll. Der Plan wird hier in jeder erdenklichen Kleinigkeit ausgebreitet. In diesem Augenblick passieren zwei Dinge mit uns:


 a) Zum einen sorgen wir uns um Margo, da wir wissen, dass sie umgebracht werden soll.

b) Zum anderen machen wir uns Gedanken, ob Tony wirklich den perfekten Mord geplant hat. Auf eine krude Art und Weise wollen wir auch, dass der Plan funktioniert. Wir wollen den perfekten Mord sehen. Die Frage, die durch das Geheimnis aufgeworfen wurde, ist: Wird Charles Margo umbringen? Es gibt also ein Geheimnis zwischen Tony, Charles und dem Zuschauer.



  Beispiel 2: Breaking Bad Season 2 / Episode 2:

Jessie und Walter sind bei Tuco und Hector Salamanca im Versteck. Tuco hat allen Essen gemacht. Victor Salamanca sitzt im Rollstuhl, kann nicht reden und starrt einfach so vor sich hin. Gemeinsam will mit Walt Tuco nach Mexiko flüchten, wo dieser für das Kartell kochen soll. Natürlich spielen Jessie und Walt die Charade hier nur mit, damit sie selbst nicht umgebracht werden. Wir haben zuvor in genügend Augenblicken gesehen, was für eine wandelnde Zeitbombe Tuco ist.

 1. Geheimnis pflanzen: Während Tuco also Essen kocht, beschließen Walt und Jessie, dass sie mit dem gestreckten und mit Gift versetzten Meth Tuco umbringen wollen. Während sie ihren Plan besprechen, bekommt das zwar Hector mit. Das stört Jessie und Walt allerdings nicht, da sie davon überzeugt sind, dass Hector eigentlich nichts mehr mitbekommt. Schließlich hat Walt die Chance die Tortilla von Tuco zu vergiften, was Hector sieht.

Was weiß wer? Der Zuschauer hat Walts und Jessies Plan mitbekommen. Und der Zuschauer will, dass dieser Plan auch funktioniert. Denn der Zuschauer weiß – Tuco ist echt ein fieser Schweinehund. Und sollte er auch nur das Geringste von dem Plan mitbekommen, sind Walt und Jessie tot. Der Zuschauer hat aber auch gesehen, dass Hector alles beobachtet hat. Sofort stellt man sich die Frage: Steckt mehr hinter Hector? Die Frage, die aufgeworfen wird, ist: Werden Walt und Jessie Tuco töten können? Es gibt also ein Geheimnis zwischen dem Zuschauer und Walt und Jessie.

Nachdem die Geheimnisse erfolgreich gepflanzt wurden, brauchen wir eine Menge „Das-war-knapp- Momente“ um den Zuschauer nervös mit den Zähnen knirschen zu lassen.


Der-das-war-knapp-Moment:

Das-war-knapp-Momente sind der Schlüssel zu suspensereichen Geschichten. Sobald der Zuschauer über das Geheimnis Bescheid weiß, will er auch, dass es herauskommt. Das involviert den Zuschauer, weil er zu gleichen Teilen hofft, dass der Protagonist auffliegt, aber auch, dass er es schafft, sein Geheimnis zu bewahren. Der Zuschauer ist zwischen Sympathie und Schadenfreude hin und hergerissen.


Gesteigert wird die Anspannung noch durch unterhaltsame Szenen, die fantastische Szenarien wiedergeben, bei denen das Geheimnis „beinahe“ verraten wird. Dadurch wird der Suspense gesteigert. Man stelle sich nur einen Seiltänzer vor. Die Frage ist immer: Wird er fallen? Als Geschichtenerzähler kann man das für sich nutzen, und die Spannung, den Suspense, erhöhen, in dem der Seiltänzer manchmal ins Wanken gerät und beinahe runterfällt. Wir halten die Luft an.

Das Ganze lässt sich aber mit ein paar Tricks noch intensivieren: Wenn wir vor dem Auftritt des Seiltänzers dem Publikum mitteilen, dass das Seil manipuliert wurde und das Seil, sobald der Seiltänzer in der Mitte des Seils ankommt, reißt, kann das Publikum vor Spannung kaum atmen. „Oh mein Gott. Das Seil wird reißen, der Seiltänzer wird hinunterfallen. Ich weiß es! Man hat es uns gesagt! Es wurde manipuliert! Komm runter da! Geh nicht zur Mitte!“, wird der Zuschauer schreien. Und dann bleibt der Seiltänzer stehen, kurz vor der Mitte. Und geht ein paar Schritte zurück und dann wieder langsam vorwärts. Und bleibt erneut kurz vor der Mitte stehen und verneigt sich ... Sie sehen – schon das ist spannender als manche Serie im Fernsehen zurzeit.

Um die Bedeutung des Das-war-knapp-Moments zu verdeutlichen bedienen wir uns an einem Beispiel aus der Psychologie des Glücksspiels. Beim Glücksspiel gibt es ein Phänomen, bei dem ein Spieler dadurch süchtig und abhängig wird, wenn er beinahe gewinnt. Und zwar um so knapper, umso besser - das Near-Win-Prinzip.

Man nehme also einen Glücksspielautomaten. Je knapper ein Beinahe-Gewinn ist, desto effektiver ist die Bindung des Spielers. Und umso größer das Potential, dass er nicht aufhören kann zu sielen.

Sehen wir uns ein Beispiel an: Drei Bananen bedeuten

den absoluten Jackpot. Die erste Banane stoppt. Ich

brauche nur noch zwei. Und auch diese stoppt. Ja, ich

werde gewinnen. Jetzt nur noch die dritte. Oh mein

Gott, die dritte Banane kommt ... Ich habe sie fast. Ich

gewinne. Oh nein. Genau einen vorher stehen

geblieben. So knapp. Die musste doch nur noch ein bisschen weiter ... verdammt! Das-war-knapp.

Diese Variante des Das-war-knapp ist wesentlich effektiver, als wäre jetzt nur eine Banane gekommen und dann keine mehr im Sichtfeld. Denn das wäre ja nicht so knapp gewesen. Oder zwei und die dritte ist nicht mal zu sehen – auch nicht so gut. Je knapper, desto größer ist die Verbindung und der Wunsch weiterzuspielen. Denn beim nächsten Mal, da wird es ja sicherlich funktionieren.

Auf den Suspense in Filmen übertragen bedeutet das: Je knapper ein Ereignis, bei dem das Geheimnis droht, herauszukommen, desto süchtiger sind wird nach dem Ausgang und desto mehr involviert in den Film. Der Zuschauer erwartet den nächsten Das-war-Knapp-Moment voller Sehnsucht – vielleicht wird da ja das Ergebnis endlich verraten. So, nun sind wir zum Zerbersten gespannt - es gab immer noch keinen Abschluss für unser Geheimnis. Bevor wir zum dritten Element für guten Suspense kommen, hier erst einmal Beispiele für gute „Das-war-knapp“-Momente.

Sehen wir uns wieder die beiden Beispiele aus „Bei Anruf Mord“ und „Breaking Bad“ an.

 

Bei Anruf Mord:

 Der Das-war-knapp-Moment: Das Geheimnis ist gepflanzt. Tony will seine Frau umbringen lassen. Das Publikum weiß Bescheid. Nun folgt eine längere Sequenz, in der es einige „Das-war-knapp- Momente“ gibt. Dazu lohnt es sich den Film einmal genau anzuschauen.

Exemplarisch greifen wir hier einen Moment heraus. Margo, die heute zu Hause umgebracht werden soll, will lieber ins Kino gehen und nicht allein zu Hause bleiben. Dies teilt sie Tony und auch Mark mit, der ja mit Tony zum Abendessen verabredet ist. Tony sieht durch Margos Kinopläne seinen Plan scheitern und wird wütend gegenüber seiner Frau. Er versucht sie dauernd zu überreden, zu Hause zu bleiben. „Was willst du allein im Kino?“ und „Du wolltest doch eh noch die Zeitungsausschnitte einkleben“, etc... Schließlich willigt sie genervt ein. Dann bleibt sie halt zu Hause. Puh – das war

 knapp (aus Tonys Sicht) und wir wollen schreien „Geh doch ins Kino. Nicht nur, dass es aus heutiger Sicht auch zu einer unabhängigen Frau dazugehört, selbstbestimmt zu handeln, nein – so überlebst du auch noch!“ Doch sie bleibt zu Hause. Und so ist sie nur beinahe dem geplanten Mord entgangen. Und die Spannung steigt. Wird sie umgebracht werden?

Daraufhin versteckt Tony den Wohnungsschlüssel seiner Frau im Treppenhaus, damit Swann sich die Tür aufsperren kann. Er schärft ihm ein, den Schlüssel beim Verlassen der Wohnung unbedingt wieder am selben Ort zu verstecken. Dann erleben wir den besagten Abend. Und die ganze Zeit schwebt mit: Wird der Plan aufgedeckt werden? Wird sie umgebracht werden? Swann dringt zur verabredeten Zeit unbemerkt in die Wohnung ein. Tony ruft wie besprochen aus dem Club zu Hause an (das Zeichen!), um seine Frau ans Telefon zu locken. Als sie abhebt, versucht Swann sie mit einem Schal zu erwürgen. Doch zuerst gelingt es nicht. Und hier gibt es weitere „Das-war-knapp-Momente“: Wir sehen Swann hinter Margo stehen. Und immer wieder hebt er den Schal, will sie erwürgen. Aber immer wieder telefoniert sie weiter und er lässt den Schal sinken. Das war knapp ...


BREAKING BAD:

 Der Das-war-knapp-Moment: Walt hat es geschafft den Taco zu vergiften. Hector hat es zwar gesehen, aber eer ist ja eh nicht fähig zu reden. Nun setzen sich alle hin zum Essen. Tuco setzt gerade an von seinem giftigen Taco abzubeißen, als plötzlich Hector mit seiner Klingel klingelt. Jessie und Walt ist klar – der weiß es. Er kann Tuco retten und sie auffliegen lassen. Tuco weiß natürlich von dem Ganzen noch gar nichts. Er will wieder ansetzen. Und erneut klingelt Hector. Beinahe hat Tuco abgebissen. Mann, war das knapp. Und sie Szene spitzt sich weiter zu. Jetzt steht Tuco auf. Alles ist

 unter Spannung. Jessie und Walt bekommen selbst keinen Bissen herunter. Kann Hector sie verraten? Wird Tuco den giftigen Taco essen? Die Spannung steigt...

So, nachdem wir nun einige spannende Das-war-knapp-Momente erlebt haben, kommen wir zum dritten Element guten Suspenses: dem Zaubertrick.



Der Zaubertrick:


Der Zuschauer findet Suspense nur dann so richtig erfüllend, wenn es auch einen zufriedenstellenden Abschluss gibt. Das Geheimnis muss aufgedeckt werden. Wir müssen den Zuschauer dafür belohnen, dass er so lange zugeschaut hat. Wenn wir das nicht tun, sind die wenigsten Zuschauer daran interessiert, nächste Woche wieder einzuschalten. Und warum auch? Wir haben ihnen so knapp die dritte Banane vorgehalten, und dann schicken wir sie enttäuscht ins Bett? Das würde keinem von uns gefallen.

Um den Zuschauer allerdings glücklich zu entlassen, müssen wir einen der wichtigsten Punkte beachten: Die Auflösung sollte niemals so stattfinden, wie sie erwartet wurde. Wie bei einem guten Zaubertrick sollte man noch eine Karte im Ärmel haben und den Zuschauer mit einem guten Twist überraschen. Das wird er Ihnen für ewig danken. Und hier wird der geneigte Filmemacher zum Magier.

Zaubertricks funktionieren, weil das Publikum es liebt, an der Nase herumgeführt zu werden. Sie gehen in eine Zaubershow mit dem Wissen: Heute werde ich mal wieder ordentlich an der Nase herumgeführt – und wehe, wenn nicht. Das ist ein unausgesprochener Vertrag zwischen dem Magier und seinem Publikum. Die Menschen zahlen Geld dafür. Aber warum tut man sich das an? Weil es unheimlich Spaß macht, wenn man von jemandem sehr, sehr clever an der Nase herumgeführt wurde. Er ist schlauer als die Skepsis des Zuschauers. Man ist dem Entertainer eben dankbar, wenn man auf schlaue Art und Weise komplett verschaukelt wurde. (Hierzu kann man sich ja auch noch einmal The Sixth Sense anschauen). Obwohl man doch so gut aufgepasst hat. Was für eine Freude, dieser schlaue Fuchs da vorne auf der Bühne. Oder um in unserem Jargon zu bleiben: Dieser verdammt versierte Filmemacher! Davon will ich mehr sehen ...

Um bei unserem Seiltänzer zu bleiben – er kommt endlich zur Mitte. Das Seil droht zu zerreißen und reißt auch schließlich. Aber er fällt nicht tief. Denn das Seil war nur knapp einen Meter über dem Boden gespannt, und nur durch einen visuellen Trick sah es aus wie zig Meter. Oder der Seiltänzer war die ganze Zeit eingeweiht. Und war darauf vorbereitet. Und er fällt tatsächlich. Und zwar richtig in die Tiefe, aber dann, wie von Zauberhand, kommt er wie Tom Cruise in Mission Impossible kurz vor dem Boden zum Stoppen. Direkt über einer wundervollen eiskalten Cola mit einem Strohhalm, aus dem er genüsslich trinkt. Die Zuschauer öffnen wieder ihre Augen. Und der Applaus bricht über den Seiltänzer herein.

Der Zuschauer wurde an der Nase herumgeführt. Der Seiltänzer hat überlebt und jeder hat seine Show gehabt. Und am Ende sind alle glücklich. Wir sehen, ohne die unerwartete Wendung am Ende der Suspsense Sequenz würde das Ganze nur halb so viel Spaß machen. Und der Zuschauer schaltet nächste Woche wieder ein, da er weiß, dass wir ihn nicht enttäuschen werden.


Nun die beiden Zaubertrick-Beispiele aus Dial M for murder und Breaking Bad DIAL M FOR MURDER:

 Der Zaubertrick: Wir erwarten jetzt, dass der Plan ausgeführt wird und Margo stirbt. Sie hatte so viele Das-war-knapp-Momente, jetzt muss der Killer ja erfolgreich sein. Doch Margo wehrt sich verbissen und es gelingt ihr, Swann mit einer Schere zu erstechen. Tony hat am Telefon alles mit


 angehört. Als sich seine Frau wieder am Telefon meldet, ist ihm klar, dass etwas schiefgegangen ist. Seine Frau wurde nicht ermordet, sondern sie ermordete den Mörder. Damit haben wir als Zuschauer in diesem Augenblick überhaupt nicht gerechnet. Eine völlig neue Situation. Und jetzt dürfen wir dabei zuschauen, wie Tony, der den ganzen Plan ja ausgeheckt hatte, hat damit umgeht. Aus der Suspense-Sequenz ist dadurch eine gesteigerte Spannung für den weiteren Verlauf des Films entstanden.

Breaking Bad Season 2 / Episode 2:

Der Zaubertrick: Tuco hat sich ein wenig über seinen gierigen Onkel Hector lustig gemacht und ist bereit wieder in den Taco zu beißen. Hector klingelt erneut, und da glaubt Tuco zu verstehen, was los ist. Walt und Jessie halten die Luft an. Jetzt werden sie entlarvt. Doch was macht Tuco? Er übergibt Hector den Taco, weil er davon überzeugt ist, dass er diesen ganzen Aufstand nur macht, damit er Tucos Taco haben kann. Walt und Jessie schauen dem ganzen Treiben hilflos zu. Aber immerhin hegt Tuco noch keinen Verdacht. Und dann benutzt Hector seine ganze Kraft, um mit seinem gelähmten Arm das Essen vom Tisch zu schleudern. Tuco ist echt angepisst, Walt und Jessi sind komplett aus der Fassung. Aber der Zuschauer hatte niemals damit gerechnet, dass Hector es schafft Tuco davor zu bewahren, den Taco zu essen. Der wahre Zaubertrick ist hier: Hector, den wir als jemanden kennengelernt haben, der sich nicht bewegen kann und der vermeintlich nichts mitbekommt, schafft es, Tuco zu retten, ist aber nicht fähig, Walt und Jessie zu entlarven.

Um also eine Szene voller Suspense zu haben, muss man ein Geheimnis pflanzen, ein paar Das-war- knapp-Momente erzeugen und schließlich dem Zuschauer wie ein wahrer Magier eine überraschende und unterhaltsame Auflösung bieten. Natürlich ist das nur eine Art und Weise wie man in einer Story Suspense erzeugen kann. Schauen wir uns noch weitere Arten des Suspense an:



ARTEN DES SUSPENSE IM FILM

Es gibt natürlich verschiedene Arten, um Suspense in seinen Geschichten zu erzählen. Ich will hier einige vorstellen, die Jeffry Michael Boys in seinem Buch1 identifiziert hat:

Herbert suspense model:

1. Der geheime Plan: Der Protagonist hat einen geheimen Plan, den das Publikum kennt (Der namensgebende Herbert wollte in „Back for Christmas“2 seine Frau umbringen).

2. Nervöses Warten: Der Protagonist lebt dann erstmal so seinen Tag weiter, muss aber natürlich seine Anspannung verbergen. Am besten ist es, wenn das Opfer in seiner Nähe ist und das ein oder andere Mal den Plan fast aufdeckt.

3. Comic Delays: In dem Augenblick, in dem er den Plan ausführen möchte, gibt es einige banale Unterbrechungen – im besten Fall führt das Opfer selbst diese Unterbrechungen herbei. (Natürlich weiß das Opfer noch nichts von dem Plan)


1 „Suspense with a camera - A filmmakers guide to Hitchcock’s techniques“ Jeffrey Michael Bays 2 Back for Christmas 1956

 

4. Fast erwischt: Der Plan wurde in die Tat umgesetzt, geht aber schief. Oft gibt es noch eine Szene mit einem qualvollen und super-knappen Moment der Entdeckung.


Das Publikum identifiziert sich hier mit dem eigentlichen Verbrecher, da man ihn nervös erlebt und er durch humorvolle „Das-war-knapp“ Momente an seine Grenzen gelangt. Somit bringt all das Suspense, was den Plan droht auffliegen zu lassen.

Genaugenommen ist dies auch die Form des Suspense in unserem Breaking Bad Beispiel. Hier können wir noch die Comic Delays ergänzen. Jedes Mal, wenn Hector seine Klingel drückt, sind wir entweder kurz davor zu lachen oder zu fluchen. Das zweite Klingeln birgt Komik in sich.

Hierzu als Ergänzung das Sam Suspense model:


1. Informationen zurückhalten: Man hält dem Publikum einige Information vor, die das Interesse wecken. Das funktioniert nur eine kurze Zeit.

2. Held macht einen Fehler: Der Protagonist macht etwas, dass er vor jeder anderen Figur verstecken muss – was die Zuschauer natürlich mitbekommen. Nun teilen wir ein Geheimnis -> Zuschauerbindung

3. Vertuschung / Verschleierung: Der Protagonist nimmt viel auf sich um das Verbrechen / sein Geheimnis zu vertuschen. Je mehr er vertuscht, desto mehr identifiziert sich das Publikum mit ihm.

4. Das-war-knapp: Immer wieder gibt es die Chance, einige „Das-war-knapp“-Momente zu erzeugen. Hierfür sollte man am besten ein triviales Objekt nehmen, auf das man sich konzentriert. Das kann eine Basis für guten Suspense sein.

Sam, der Namensgeber dieses Suspense-modells, hat seine Frau umgebracht und sie in den Kofferraum gelegt. Dann fährt er mit dem Wagen weiter und wird von der Polizei angehalten. Und zwar, weil er ein kaputtes Rücklicht hat. Und durch das Rücklicht, so etwas lächerlich Triviales, läuft der Protagonist Gefahr, entdeckt zu werden. Das baut Spannung auf - und macht es dem Publikum leichter, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Hitchcock hat es damit sogar geschafft, dass wir uns mit einem Mörder identifizieren.


Das Modell der unsichtbaren Gefahr:

1. Versteckte Gefahr: Eine Gefahr, die den Protagonisten davon abhält, aus der Situation zu flüchten.

2. Warten auf Hilfe: Der Protagonist wartet nervös auf Rettung oder sucht nach einem Weg aus der Bedrohung. Verzögerungen, z.B. durch inkompetente Rettungskräfte, bauen weitere Spannung auf.

3. Eine heikle Prozedur: Um die Gefahr zu neutralisieren, muss eine heikle und gefährliche Prozedur ausgeführt werden. Während der Prozedur wird durch einen möglichen Fehler die Spannung erhöht.


4. Twist oder Umkehrung: Die Rettung wurde durchgeführt, aber es stellte sich heraus, dass es niemals eine wirkliche Gefahr gab. Oder es gibt eine Szene, in der die Gefahr zurückkehrt. Dass die Gefahr niemals wirklich besiegt wurde, ist eine weitere Möglichkeit.

In diesem Fall ist der ganze Filme ein: Das-war-knapp-Moment. Es beginnt mit einer unsichtbaren Gefahr und ständigen Das-war-knapp-Momenten, um die Zuschauer die Dauer des Films über in Ungewissheit und Anspannung zu halten.


Das unsichtbare Opfer suspense Modell:

1. Das Opfer braucht Hilfe: Der Protagonist ist gefangen und braucht Hilfe.

2. Das Opfer wird unsichtbar: So sehr sich der Protagonist auch anstrengt: Sein Hilferuf wird durch

irgendwas geblockt.

3. Inkompetente Fremde: Einer oder viel Fremde sind in der Position den Hilferuf wahrzunehmen,

verpassen aber die Chance, weil sie mit sich selbst beschäftigt sind – eine gute Quelle für Humor. Und für soziale Kritik. Hitchcock hat gerne Polizisten oder andere Amtsinhaber in dieser Rolle genutzt.

Der Protagonist ist „gefangen“ und braucht Hilfe. Er versucht alles um einen Hilferuf loszuwerden, ein weiterer Charakter kommt hinzu und das Publikum erwartet die Rettung, doch meistens geht irgendetwas schief oder der Retter ist einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Es ist doch direkt vor seiner Nase, aber dieser Vollidiot sieht es einfach nicht. Das Publikum möchte am liebsten in den Fernseher kriechen und die andere Figur anschreien: Bist du blind? Oder blöd? Du musst doch helfen.


Verschwörungstheorie suspense Modell:

1. Verschwörungstheorie: Es passiert etwas, hinter dem der Protagonist eine Verschwörung vermutet.

2. Skeptiker: Ein Skeptiker hält den Protagonisten für paranoid, was den Protagonisten nur dazu bewegt, noch mehr Beweise zu finden.

3. Das Rad dreht sich: ... und dreht sich. Immer wieder findet der Protagonist neue Beweise und der Skeptiker glaubt, er hat sie nicht alle. Bei all diesen Wiederholungen wird der Protagonist jedes Mal nervöser und zweifelt bald an sich selbst.

Es ist wichtig, dass der Zuschauer immer wieder manipuliert wird zwischen Glauben und Unglauben. „Das Fenster zum Hof“ ist hier wohl Hitchcocks berühmtestes Beispiel. James Stuart ist sich sicher: Es gab einen Mord. Und alle haben Theorien, warum er sich das ausdenkt. Und sogar wir als Zuschauer sind uns nicht immer sicher.

Natürlich lassen sich diese verschiedenen Suspsense-Modelle auch miteinander verknüpfen und somit intensivieren. Sie können nur ein paar Minuten oder eine kleine Szene lang dauern, manchmal aber auch den ganzen Film oder die komplette Folge über.

© 2021 Marc Schaumburg-Ingwersen

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